Lungenfacharzt
Dr. Gerhard
Wallner
Wien 1230
 
 

 

 
   
zertifizierter Rauchertherapeut
ÖÄK Fortbildungsdiplom
ZERTIFIZIERTER ARZT FÜR TAUCHTAUGLICHKEITSUNTERSUCHUNGEN
2. VIZEPRÄSIDENT DER öguhm
ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR
UNTERWASSER- UND HYPERBARMEDIZIN
 
 
LUNG PHYSIcIAN
EDTC certified Medical Examiner of Divers
CERTIFIED THERAPIST FOR SMOKING CESSATION
2ND VICE President of ASuhm
AUSTRIAN SOCIETY FOR
UNDERWATER AND HYPERBARIC MEDICINE

  

 

 

 

 

"Erste Erfahrungen mit der intradermalen Tuberkulintestung nach Mendel-Mantoux im Wiener Gesundheitsamt."

Mitteilungen der Österreichischen Sanitätsverwaltung 98.7-8 (301-303) 1997.

Dr. Gerhard Wallner,
Facharzt für Lungenkrankheiten
1230 Wien



Einleitung

Zweck der Durchführung eines intradermalen Tuberkulintests ist es, herauszufinden, ob jemand durch Mykobakterien infiziert wurde oder nicht. Im Falle eines Kontaktes mit Mykobakterien, entwickelt die infizierte Person eine sogenannte Tuberkulinaller-gie. Diese wird durch eine spezifische T-Lymphozyten Subpopulation wechselwir-kend mit aktivierten Makrophagen hervorgerufen. Am Beginn der Hautreaktion steht eine Kapillarerweiterung und eine Exudation von Flüssigkeit und neutrophilen Leu-kozyten. Es folgt eine lokale Zunahme der mononukleären Zellen. Schließlich be-steht die Läsion größtenteils aus Makrophagen und Lymphozyten. Diese Zellakku-molation ist die Grundlage für die Induration der Haut bei der intradermalen Tuber-kulintestung.

Bei Durchführung einer Tuberkulinstudie stellen sich die zu erwartenden Ableseer-gebnisse als die Überlagerung 3er Gau߀scher Kurven dar (Fig. 1)(1). Der Scheitel-punkt der ersten Kurve liegt bei 0 mm. Diese Kurve repräsentiert die Häufigkeit der Tuberkulinreaktionen jener Personen, die nicht mit Mykobakterien infiziert worden sind. Bei 5 mm findet sich der Scheitelpunkt der 2. Gauß-Kurve, welche jene Perso-nen kennzeichnet, die durch atypische Mykobakterien infiziert sind, oder bei denen eine BCG-Impfung durchgeführt worden ist. Die 3. Kurve zeigt ihren Gipfel bei 16 mm und charakterisiert Personen die mit Mykobakterium tuberkulosis infiziert wor-den sind.

Ziel der Untersuchung

Ziel der Untersuchung ist es, zu zeigen, daß Variablen wie Alter und Nationalitäts-zugehörigkeit einen Einfluß auf den Tuberkulintest haben. Die altersspezifische In-fektionsprävalenz der Tuberkulose muß sich in der Verteilung der Ergebnisse wider-spiegeln: In industrialisierten Ländern in Mittel- und Westeuropa steigt mit zuneh-mendem Alter der Anteil jener Personen, die sich im Laufe ihres Lebens mit My-cobakterium tuberkulosis angesteckt haben (Fig. 3)(2). Bis etwa zum 30. Lebensjahr verläuft die Kurve flach auf niedrigem Niveau, steigt jedoch bei älteren Personen rasch an und erreicht im Greisenalter 100 %.

Außerdem ist zu erwarten, daß bei Personen welche aus Ländern stammen, die eine höhere Tuberkuloseprävalenz als Österreich haben, stärkere Tuberkulinreaktionen auftreten (3)(4).

Letztlich soll der cut off point eruiert werden, der geeignet ist, mit größtmöglicher Spezivität und Sensitivität eine stattgehabte Tuberkuloseinfektion zu detektieren.

Material und Methode

In der Zeit von Oktober 1996 bis März 1997 wurden im Tuberkulosereferat des Wie-ner Gesundheitsamtes 515 Probanden einer Tuberkulintestung mit flüssigem Tuber-kulin unterzogen. Es wurde, das in Österreich neu zugelassene flüssige Tuberkulin PPD Tuberkulin €Sero" verwendet. Es handelt sich bei diesem Tuberkulin um ein gereinigtes Tuberkulin (Stoffwechselprodukte und lösliche Extrakte von Mykobakte-rienkulturen). Bei der Herstellung des Tuberkulins werden folgende Stämme ver-wendet: Mycobakterium tuberkulosis hominis Stämme C, DT, PN Weybridge und Mykobakterium bovis Stamm Vallèe.

Die 515 Probanden setzten sich aus zwei unterschiedlichen Kollektiven zusammen: Es wurden 202 tuberkuloseexponierte Personen im Rahmen von Umgebungsunter-suchungen und weitere 313 nicht exponierte Personen im Rahmen von Reihenun-tersuchungen getestet.

Angewandte Technik der Tuberkulintestung

Am Tag 1 werden auf der dorsalen Seite des Unterarms der Probanden 0,1 ml einer frisch hergestellten Tuberkulinlösung appliziert. Es werden Tuberkulinspritzen mit 25er oder 26er Nadeln verwendet. Die Nadelspitze wird in die oberste Hautschicht eingeführt und ein Volumen von 0,1 ml Tuberkulin langsam injiziert. Dabei soll eine 6-10 mm im Durchmesser haltende weiße Papel entstehen, die ca. 10 Minuten be-stehen bleibt. Die Ablesung erfolgt am Tag 4-7. Für das Ableseergebnis ist der transversale Durchmesser, der durch das Tuberkulin verursachten Hautinduration ausschlaggebend.

Ergebnisse

Erwartungsgemäß konnte bei 515 mittels intradermaler Tuberkulintestung untersuchten Probanden jenes Verteilungsmuster gefunden werden, daß auf Grund der Literatur (wie in der Einleitung näher ausgeführt) zu erwarten war, (Fig. 2). Deutlich grenzt sich die Gruppe nicht infizierter Personen von der Gruppe jener Personen ab, die unspezifische Reaktionen (vermutlich durch atypischen Mykobakterien, bzw. nach BCG) aufweist. Die 3. Gaußsche Kurve, welche infizierte Personen umfassen soll, kommt wegen der geringen Fallzahlen weniger klar zur Darstellung.

Die altersspezifische Prävalenz der Tuberkuloseinfektion wird durch die Mendel Mantoux-Testung bestätigt (Tab. 1): In der Altersklasse 0 - 14 Jahre beträgt der Medianwert des Indurationsdurchmessers 0 und steigt linear an, um schließlich in der Altersklasse über 45jähriger Personen einen Wert von 5 zu erreichen.

Die Hypothese, daß bei nicht österreichischen Staatsbürgern stärkere Tuberkulinreaktionen beobachtet werden müßten, konnte ebenfalls bestätigt werden (Fig. 4): insgesamt wurden 127 Personen hinsichtlich der Variablen "Inländer" versus Ausländer (inklusive jener, deren Eltern im Ausland geboren sind)" untersucht. Der Median des Indurationsdurchmessers betrug bei Inländern 2 bei der ausländischen Bevölkerung 6 mm. Das Durchschnittsalter bei beiden untersuchten Kollektiven zeigte keine signifikanten Unterschiede.

Nach Angaben des Herstellers des flüssigen Tuberkulins sind Reaktionen von größer gleich 5 mm als positiv zu bewerten. Dennoch darf nicht davon ausgegangen werden, daß 5 mm als cut off point zur Erkennung von Tuberkuloseinfektionen geeignet ist. Die Sensitivität der Untersuchung wäre dann zwar außerordentlich hoch, die Spezivität jedoch auf Grund der Miterfassung von Personen, die mit nichttuberkulösen Mykobakterien Kontakt hatten bzw. BCG geimpft worden sind, gering. Die internationale Literatur schlägt als geeigneten cut off point für die Detektion von Tuberkuloseinfektionen 10 mm vor. Die eigenen Ergebnisse bestätigen, daß bei der Wahl von 5 mm als cut off point eine unrealistisch hohe Anzahl von Personen tuberkuloseinfiziert sein müßten (Tab. 2). Hingegen zeigt die Tabelle eindrucksvoll, daß bei der Wahl von 10 mm eine plausible altersspezifische Verteilung von Tuberkuloseinfektionen gegeben ist. Auffallend ist jedoch, daß in der Altersklasse der 0-14 jährigen 3,5% positive Ergebnisse auftraten. Dieses Ergebnis erklärt sich durch den Umstand, daß 80 von 84 Personen dieser Gruppe im Zuge von Umgebungsuntersuchungen für die Testung rekrutiert wurde, also exponiert waren. In der Klasse der 15-24jährigen waren lediglich 64 von 216 Personen (30%) exponiert. 1,4 % dieser Personen zeigte einen Tuberkulintest von größer gleich 10 mm. Die alterspezifische Tuberkuloseprävalenz der Durchschnittsbevölkerung in den verschiedenen Altersklassen läßt sich aufgrund der vorliegenden Untersuchung nur abschätzen, weil durch die Mituntersuchung exponierter Personen, die Ergebnisse einen zu hohen Wert ausweisen.

Die Annahme, daß 10 mm als cut off point in der Fragestellung Tuberkuloseinfektion Ja oder Nein, einen sinnvollen Kompromiß darstellt, wird durch die Gegenüberstellung der Ergebnisse aus tuberkuloseexponierten und nichtexponierten Probanden erhärtet (Tab. 3): 34 % jener Personen, die im Rahmen einer Umgebungsuntersuchung (exponierte Personen) getestet wurden und 21 % der nichtexponierten Perso-nen hatten ein Ableseergebnis von größer gleich 5 mm Indurationsdurchmesser. Wählt man 10 mm als cut off point erhält man hingegen überzeugende Ergebnisse: Demnach wären im Rahmen von Umgebungsuntersuchungen 14,7 % infizierte Per-sonen gefunden worden, bei Reihenuntersuchungen jedoch nur 1,5 %. Dieses Er-gebnis korreliert mit den Erwartungen des Untersuchers.

Diskussion

Die Tuberkulintestung kann in der Hand des Geübten ein gutes Werkzeug zur Er-fassung tuberkuloseinfizierter Personen darstellen. Der Anwender soll jedoch mit einer konkreten Fragestellung die Untersuchung durchführen, wenn er Konsequenzen aus der Tuberkulintestung ableiten möchte. Die Untersuchungsergebnisse die-ser Arbeit weisen 10 mm als cut off point für die Erfassung von mit Mycobakterium tuberkulosis infizierten Personen im Rahmen von Umgebungsuntersuchungen als geeignet aus. Der Anwender des Tests muß sich jedoch stets vor Augen halten, daß auch Personen mit einem geringeren Indurationsdurchmesser des intradermalen Tuberkulintests mit Tuberkulose infiziert sein können. Wird beispielsweise im Rahmen einer Umgebungsuntersuchung eines offen tuberkulös erkrankten Elternteils bei einem nichtgeimpften 5jährigen Kind dieser Eltern ein 5 mm messender Mendel Mantoux-Test erhoben, so muß der Verdacht auf eine Tuberkuloseinfektion ausgesprochen werden und Konsequenzen, beispielsweise im Sinne einer präventiven Chemotherapie gezogen werden. Findet sich anderseits bei einem nichtösterreichischen Staatsbürger aus einem Land mit einer hohen Tuberkuloseprävalenz, der obendrein alte posttuberkulöse Veränderungen im Röntgen zeigt, ein Testergebnis von 11 mm, so wird der Untersucher nicht von einer frischen Tuberkulose ausgehen dürfen.

In diesem Zusammenhang darf nicht unbeachtet bleiben, daß bei immunsupprimierten Personen (z.B. HIV-Infektion) ein falsch negatives Ergebnis möglich ist, da die Tuberkulinallergie durch T-Lymphozyten vermittelt wird.

Anschrift des Verfassers:

Dr. Gerhard Wallner
Purkytgasse 9/4

1230 Wien



Literatur:

1. Sudre, P., G. ten Dam, C. Chan, A. Kochi: Tuberculosis in the present time: a glo-bal overview of the tuberculosis situation. WHO/TUB/91.158. Geneva 1991

2. Edwards LB. Ind J. Tub 1956, II:2

3. Wallner GW. Die aktuelle Tuberkulosesituation in Wien. Pneumologie Update. 4/1995 5-8

4. Wallner GW. Aufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens bei Tuberkulose aus österreichischer Sicht. Mitt. d. Österr. Sanitätsverwaltung 97. 11/12 564-567 (1996).

Die Originalarbeit:

Wallner G. "Erste Erfahrungen mit der intradermalen Tuberkulintestung nach Mendel-Mantoux im Wiener Gesundheitsamt." Mitt.Österr.San.Verw.98.7-8 (301-303) 1997.

 

 
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  © Dr. Gerhard Wallner - 06. November 2011